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Schriftdolmetscher

Interview mit Liona Paulus, die ihr Studium mit Schriftdolmetschern bewältigt

 

 

 

 

[erstellt im Juli 2008]

Foto von Liona

best: Liona, kannst du uns anfangs etwas über deinen schulischen Werdegang berichten?

LP: Ich bin von Geburt an hochgradig schwerhörig, aber seit Frühjahr 2007 beidseitig ertaubt aufgrund einer progredienten Schwerhörigkeit, deren Ursache unbekannt ist. Ich bin gebärdensprachkompetent, aber auch lautsprachlich gut unterrichtet worden, weswegen ich eigentlich ohne Dolmetscher auskommen könnte, rein theoretisch.Meine Schullaufbahn beendete ich 2004 mit dem Abitur am Gisela-Gymnasium in München, ich machte im Anschluss ein freiwilliges soziales Jahr an einer Gehörlosenschule in Porto Alegre im äußersten Süden Brasiliens und dieser Schritt beeinflusste maßgeblich meine Studienfachwahl. Denn nach meiner Rückkehr im Sommer 2005 begann ich an der Uni München Gehörlosenpädagogik zu studieren, weil mir die Lehrtätigkeit damals in Brasilien sehr viel Spaß und Freude bereitete und ich es mir vorstellen konnte, diese weiter fortzusetzen.Im Studium an der LMU München brauchte ich prinzipiell keine Dolmetscher, weil die Kurse und Veranstaltungen oft in kleinen Gruppen gehalten wurden (ca. 15 bis 40 Personen), wo ich dann mehr oder weniger folgen konnte. Ich hatte auch sehr viele liebe Kommilitonen, die die Gebärdensprache beherrschten oder sich außerordentlich Mühe gaben, diese zu erlernen und mir halfen. Einige Dozenten waren ja auch mit der Thematik vertraut und hatten ein dementsprechendes Sprechtempo. Aber nach nur einem Semester merkte ich schon, dass die Gehörlosenpädagogik nicht „mein Ding“ war und ich war bereit, das Studium abzubrechen

best: Du hast mit dem Studienfach auch die Uni gewechselt und studierst nun in Mainz Buchwissenschaft. Welche Erfahrungen machtest du seitdem?

LP: Als ich im 2. Semester die Entscheidung traf, an die Universität Mainz zu wechseln, um dort Buchwissenschaft, Portugiesisch und Kunstgeschichte zu studieren, war es mir noch nicht bewusst, dass ich dort ins eiskalte Wasser springen würde.Ich merkte sehr schnell, dass die meisten Dozenten keine Ahnung hatten, wie man mit einem Hörgeschädigten umgehen soll, sie gaben sich anfangs immer Mühe, aber nach einiger Zeit kehrten sie zu ihren alten Gewohnheiten zurück, wie sie reden wie zuvor und begannen wieder im Raum herum zu laufen. Und einige Veranstaltungen waren recht groß, mit etwa 70 bis 150 Studenten, was zu einem enorm hohen Lärmpegel führte. Ich stieß da rasend schnell an meine Grenzen und stellte fest, dass ich doch Hilfe brauchte. Ich versuchte zwar durch Mitschriften von Mitstudenten und Nachlesen meine Bildungslücken zu stopfen, aber diese Methoden verbrauchten viel Zeit und Ausdauer. Außerdem waren die Mitschriften für mich nicht immer hilfreich, weil sie so geschrieben waren, wie der Verfasser das Thema verstanden hatte. Und ich kann ja nicht Gedanken lesen! Keiner meiner Mitstudenten kann die Gebärdensprache - also musste alles auf lautsprachlicher Ebene gehen, was auch nicht immer leicht ist.

best: Deshalb hast du dann beschlossen, Schriftdolmetschern (SD) zu beantragen...

LP: Ja, aber der Weg, vom ersten Antrag bis zur Zusage hat bei mir lange neun Monate gedauert, weil ich (meines Wissens) die erste Studentin in Rheinland-Pfalz war, die Hilfe in dieser Form beantragt hat und die Ämter sich erst informieren mussten. Ich versuchte währenddessen noch ein weiteres Semester ohne Dolmetscher auszukommen, aber ich war dann ausgebrannt (was vielleicht zu der Ertaubung im Frühjahr 2007 führte). Ich bestand zwar alle erforderlichen Klausuren und Arbeiten, aber so konnte es einfach nicht mehr weitergehen!

best: Welche Vorteile bringt eigentlich ein Schriftdolmetscher?

LP: Ich kann mich nicht den lieben langen Tag 4 bis 8 Stunden auf ein Mundbild des Dozenten konzentrieren. Manche haben nicht einmal ein klares Mundbild und laufen ständig hin und her. Oder der Raum ist verdunkelt, weil Vorträge mit vielen Bildern mit dem Beamer gehalten werden. Und ich wollte möglichst alles mitbekommen und das Gelernte zum Nachbereiten und Lernen schriftlich mit nach Hause nehmen, so wie es die Hörenden tun. Ein SD bietet eben diesen entscheidenden Vorteil gegenüber Gebärdensprachdolmetschern: Ich bekomme von ihm schriftliche Mitschriften.

best Das heißt, ein Gebärdensprachdolmetscher kommt für dich nicht mehr in Frage...

LP: Doch, ich benutze auch Gebärdensprachdolmetscher, vor allem in Kursen, wo der praktische Anteil sehr hoch ist (z.B. Erstellen eines Verlagsignets am Computer, kalligrafische Übungen etc.), wo im Prinzip nur Anweisungen gegeben werden. Oder auch beiExkursionen außerhalb der Universität. Und in einigen Vorlesungen nehme ich auch lieber den Gebärdensprachdolmetscher, weil ich hier keine Mitschriften brauche.

best: Wie kann man sich das praktisch vorstellen, wenn der SD in die Vorlesung / ins Seminar kommt?

LP: Der Schriftdolmetscher bringt seinen Laptop und eine spezielle Tastatur, die auf Stenographie basiert, mit. Er setzt sich einfach neben mich, stellt seinen Laptop auf meinen Tisch und schreibt mit der Tastatur, die extern an den Laptop angeschlossen wird. Ich kann den Text ganz normal am Bildschirm mitverfolgen. Eine Projektion an die Wand macht nur dann Sinn, wenn in der Veranstaltung viele Zuhörer hörgeschädigt sind und mitlesen wollen. Aber das ist bei mir nicht der Fall.

Schriftdolmetscher im Einsatz Schriftdolmetscher im Einsatz

best: Bekommst du den Text auch schriftlich bzw. als Datei?

LP: Ja, die Mitschriften werden noch in Bezug auf Grammatik und Orthographie überarbeitet, als Word-Datei gespeichert und mir dann per Mail oder USB-Stick weitergegeben.

best: Wie reagieren Kommilitonen und Dozenten darauf, dass du in Begleitung eines SD erscheinst?

LP: Hm, das ist ein heikler Punkt. Anfangs waren alle neugierig und stellten Fragen, was ja durchaus verständlich ist. Im Laufe der Zeit bekam ich dann viele Beschwerden von Kommilitonen darüber, dass die Tastatur zu laut sei (es klappert ziemlich). Aber ich kann da nichts dagegen tun.... Eine meiner SD hat extra Watte unter die Tasten geklebt, um dem Lärm vorzubeugen! Sehr kreativ!Einige Dozenten sprachen mich auch darauf an, dass ich die Mitschriften nicht veröffentlichen darf oder an Dritte weitergeben soll, was klar ist. Ansonsten unterstützen sie mich sehr dabei. Der Hausmeister kam auch schon mal zu mir und sagte, dass ich das Verlängerungskabel für die Stromversorgung von Laptop und Tastatur wegen der Fluchtwege im Falle eines Feuers ganz woanders anschließen sollte, weit entfernt vom Dozenten, was aber für meinen SD nicht ideal ist, denn er muss den Vortrag gut hören können.

best: Woran erkennt man einen guten SD? Wo gibt es Grenzen des Schriftdolmetschens?

LP: Ui, das ist schwer zu beantworten. Einen guten SD erkennt man daran, dass er flüssig schreibt und nicht immer unterbricht. Und dass er das Thema versteht erkennt man meistens daran, dass er auch logisch aufbauend formuliert (möglichst grammatikalisch fehlerfrei) und dass man es als Leser gut nachvollziehen kann.Die Grenzen sind klar: Es kann äußerst selten 1 : 1 mitgeschrieben / übersetzt werden, meistens wird so übersetzt, dass man den roten Faden erkennt. Oft werden viele grammatikalische und orthografische Fehler gemacht, man muss einfach darüber hinweg gucken, oder im Geiste selbst korrigieren, um den Inhalt zu verstehen. Das heißt, man muss sehr gut in Deutsch sein. Fachbegriffe, unbekannte Namen und Orte werden häufig falsch geschrieben, was daran liegt, dass das Wörterbuch des Textprogramms sehr begrenzt ist und es meistens nur auf alltägliche Ausrücke zurückgreift. Dazu braucht man eine hohe Sprachkompetenz und ein breites Allgemeinwissen, um diese Fehler erkennen zu können. Ein Beispiel: gerne wird das Wort „Typologie“ in der Kunstgeschichte verwendet, aber mein SD schreibt da immer „Topologie,“ was ein Begriff aus der Geographie ist. Also muss man erkennen können, worin der winzige Fehler in der Schreibweise und in der Aussprache liegt (klingt ähnlich).Leider ist es auch so, dass viele SD nicht gut genug sind für die Ansprüche der Uni. Ich hatte mal welche, die konnten zwar schreiben, aber sobald das Thema zu abstrakt wurde, konnte ich nur noch auf einen leeren weißen Bildschirm gucken.Ein SD sagte mir auch ganz offen, dass es in Kursen wie Mathematik, Physik o.ä., wo es sehr formelhaft zugeht, eine schier unmögliche Leistung ist mitzuschreiben.

best: Es ist für dich also sehr schwierig, geeignete SD an deiner Uni zu finden?

LP: An meiner Uni gibt es gar keine SD. Die werden über eine Agentur vermittelt, die ihren Sitz in Schwerin hat. Also, meine SD kommen immer extra mit dem Zug aus Schwerin zu mir nach Mainz, bleiben ein paar Tage und fahren wieder zurück. Eine Schriftdolmetscherin kommt aus Chemnitz, was auch sehr weit weg ist. Der Grund ist: es ist ein relativ neuer Beruf, es gibt ihn erst seit ca. 5 Jahren und die Ausbildung zum SD ist lang und anspruchsvoll. Zur Zeit gibt es zu viele Aufträge, aber zu wenig verfügbare SD...

best: Was kostet der Einsatz von Schriftdolmetschern? Wie finanzierst du das?

LP: Eine Stunde Schreibdolmetschen kostet etwa 50 Euro, die Nachbearbeitung der Mitschriften kostet ca. 10 -15 Euro und die Weitergabe der Mitschrift noch mal 6 Euro. All das wird vom Sozialamt der Stadt Mainz bezahlt. Aus eigener Tasche könnte ich die nicht bezahlen.

best: Wie beurteilst du selbst den SD-Einsatz?

LP: Das Schreibdolmetschen ist nur eine sinnvolle Sache, wenn man gute SD hat. Leider hatte ich bis jetzt nur zwei wirklich gute SD, die mir aber nicht regelmäßig zur Verfügung stehen.Ich trenne das mittlerweile so auf: In den Kursen, wo fast nur ohne Pause doziert wird, und ich weiß, dass ich darin eine Prüfung ablegen muss, nehme ich den Schriftdolmetscher, weil ich das Ganze dann schriftlich zum Lernen vorliegen habe. Bei anderen Veranstaltungen nehme ich Gebärdensprachdolmetscher, weil es unkomplizierter und generell auch billiger ist (Meine Gebärdensprachdolmetscher kommen aus Mainz oder Frankfurt). Im Fach Portugiesisch ergibt sich das Problem von selbst, da geht es mit dem Dolmetschen überhaupt nicht, aber meine Dozentin und meine Mitstudentinnen sind sehr hilfsbereit und ich habe kaum Probleme mitzumachen (Die Portugiesisch-Kurse sind sehr klein, meistens nur 4 bis 12 Leute).Für das 5. Semester plane ich weniger Einsätze von SD, weil ich mehr praktische Kurse habe und ich SD wegen einer oder zwei Vorlesungen nicht extra aus Schwerin bestellen möchte. Ich bin ganz zufrieden mit den Dolmetschern, ich gehe jetzt auch viel lockerer ans Studium heran, bin viel entspannter und meine Noten sind außerordentlich gut geworden. So macht mir das Studium sogar viel Spaß.

best: Zum Schluss noch ein Ratschlag für andere hörgeschädigte Studenten...

LP: Also, schämt euch nicht, Hilfen zu beantragen, es ist durchaus sinnvoll und für das eigene Wohlbefinden sehr wichtig. Und wenn es schon gesetzlich geregelt ist, dass man so was bezahlt bekommt, dann nutzt diese Chance!

[Juli 2008]


Hier die Adressen von Schriftdolmetschervermittlungsstellen und von Schriftdolmetschern:

Baden-Württemberg
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Paulinenpflege Winnenden e. V. *
Schriftdolmetschervermittlung
Daimlerstraße 12
71364 Winnenden
Kontakt: Marcel Karthäuser und Regina Hallas
E-Mail: schrifdolmetscher@paulinenpflege.de
Telefon: 07195-588841 (Di - Do jeweils 10.00 bis 12.00 Uhr)
Mobil: 0176-28594190
Fax: 07195-69585885
Internet: http://www.schriftdolmetschervermittlung.de/
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Bayern
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www.schriftdolmetscher-bayern.de

Inci Döger
Soldnerstr. 77
90766 Fürth
E-Mail: Inci.Doeger@schriftdolmetscher-bayern.de
Telefon: 0911 / 4904809
Fax: 0911 / 4904808
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Berlin
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HörBIZ
Breite Str. 3
13187 Berlin
E-Mail: pankow@hoerbiz-berlin.de
Fax 030-47474484

Bettina Koertzsohn DSB - zertifizierte Schriftdolmetscherin und Dozentin für Deutsch als Fremdsprache
Leberstr. 48
10829 Berlin
Fon: 030 / 25 81 04 29
Funk: 0176 - 54 53 99 68
E-Mail: bettina.koertzsohn@gmx.de
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Nordrhein-Westfalen
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Schriftdolmetscher-Vermittlungszentrale *
Deutscher Schwerhörigenbund - Landesverband Nordrhein-Westfalen e.V.
Zumsandestraße 20
48145 Münster
Tel.: 0251-1334205
Fax: 0251-3238114
Mobil: 0172-5204044 (Mitarbeiterin Jutta Siewering ab 15:00 Uhr zu erreichen)
E-Mail: SDV_NRW@web.de
Internet: www.schwerhoerigen-netz.de/LVNRW
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Rheinland-Pfalz und Saarland
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Kombia GbR Schriftdolmetschervermittlung *
In der Olk 23
54290 Trier
Tel. 0651 - 1453003
Fax: 0651 - 1453045
E-Mail: info@kombia.de
Internet: www.kombia.de
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Sachsen
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Schriftdolmetscheragentur Dresden
Jacob-Winter-Platz 12
01239 Dresden
Tel: 0351-2188808
Fax: 0351-2188809
E-Mail: agentur@schriftdolmetscher.com
Internet: schriftdolmetscher.com
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* Vom Deutschen Schwerhörigenbund oder durch die ISO 9000 Norm zur Qualitätssicherung zertifizert.




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