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Als Hörgeschädigter in der Hörforschung
Interview mit dem Molekularbiologen Dr. Juergen-Theodor Fraenzer über
die Regeneration von Sinneszellen und Sponsoring in der Wissenschaft
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best-news: Hallo Juergen-Theodor! Sie arbeiten
als hörgeschädigter Wissenschaftler in der Hörforschung. Welche
Rolle spielt eigentlich Ihre persönliche Betroffenheit für Ihre berufliche
Tätigkeit?
Juergen-Theodor: Mein großer Traum war
es immer mit DNA zu arbeiten. Auf der Suche nach einer geeigneten Diplomarbeit
nach meiner Diplomprüfung in Heidelberg bin ich dann in Gesprächen
mit verschiedenen Hochschullehrern und Forschern darauf gebracht worden in neuroscience
zu "machen", um eben eines Tages zu verstehen, wo die genetische Komponente
oder das "Entwicklungsdefizit", das zu meiner Schwerhörigkeit
führte, liegen könnte. Insofern spielt meine persönliche Geschichte
eine sehr große Rolle. Ich habe mir über Studium, Diplom- und Doktorarbeit
und jetzige postdocs Kenntnisse und vor allem Methoden angeeignet, die es mir
ermöglichen von verschiedenen Seiten an das "Hör-Problem"
heranzugehen.
best-news: Als Mitglied der Arbeitsgruppe Molekulare Neurobiologie
am Tübinger Hörforschungszentrum der HNO-Klinik der Uni Tübingen
haben Sie sich mit dem Reifungsprozess des Hörorgans bei Säugetieren
befasst. Wie würden Sie einem Laien beschreiben, was Sie dabei herausgefunden
haben?
Juergen-Theodor: Wir untersuchten, wie das Schilddrüsenhormon
dazu beiträgt, dass das Hörorgan seine volle Funktionsfähigkeit
entwickelt. Wir fanden heraus, dass dieses Hormon beim Menschen in der 20. bis
zur 24. embryonalen Woche notwendig ist (beim Nagetier etwa entsprechend E17/18
bis P12), damit sich das Cortische Organ in seiner äußeren Form,
seiner zellulären Ausstattung und seiner Nervenanbindung vollständig
ausbilden kann. Ein Mangel an Schilddrüsenhormon in dieser Zeit führt
unweigerlich und irreversibel zu Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit.
Tragisch-berühmte Beispiele hierfür sind jene Personen, bei denen
Schilddrüsenhormon-Mangel zu Kretinismus führte. Neben der Schwerhörigkeit,
erleiden diese Menschen zumeist noch weitere körperliche Nachteile und
geistige Defizite.
best-news: An die Forschungsergebnisse aus der Hörforschung
knüpfen viele Hörgeschädigte große Hoffnungen. Es heißt,
funktionsunfähige Haarsinneszellen können demnächst regeneriert
werden. Das wäre dann eine echte Alternative zu einem invasiven Eingriff
wie dem Cochlea Implant. Sind solche Visionen in absehbarer Zukunft überhaupt
realisierbar?
Juergen-Theodor: Ja, das ist in absehbarer Zeit durchaus
möglich. Es handelt sich dabei allerdings weniger um Regeneration als vielmehr
um die Generierung neuer Haarzellen (auch wenn es weiterhin fälschlicherweise
Regeneration genannt werden wird). Genauer gesagt geht es um die Umwandlung
(Transdifferenzierung) der Stützzellen (supporting cells), die die Haarzellen
umgeben.
So zeigte Anfang Oktober der weltweit anerkannte Hörforscher Yehoash Raphael
vom Kresge Institut in Ann Arbor, Michigan, U.S.A., (auf dem 5. Kongress "molecular
biology of the inner ear" in Bethesda) deutliche Fortschritte bei der Generierung
neuer Haarzellen nach Vertaubung bei Meerschweinchen (einem für die Hörforschung
wichtigen Versuchstier). Er konnte die umliegenden Stützzellen durch die
Zuführung eines Transkriptionsfaktors (Math1) per Adenoviren erneut zur
Teilung und/oder Umwandlung in Haarsinneszellen anregen.
Stefan Heller (ein aufstrebender genialer deutscher Forscher am MIT in Boston,
Massachusetts in den USA) denkt, embryonale Stammzellen und die Konditionen
gefunden zu haben, wie diese sich in Richtung Haarsinneszellen entwickeln lassen
– bisher allerdings nur in Zellkultur.
Außer in den USA arbeiten in Großbritannien und in Frankreich weitere
Forschergruppen an diesen Aufgaben. Es sieht so aus, als ob wir in fünf
bis zehn Jahren die Bedingungen, unter denen sich Haarzellen entwickeln, recht
genau kennen werden. Damit kann man dann klinisch etwas anfangen. Also, ich
denke wir werden es erleben, dass Patienten zu neuen Hörzellen verholfen
wird. Ob diese auch so funktionieren und "arbeiten", wie wir das im
normalen Hörermögen kennen, weiß ich allerdings nicht. Da gibt
es noch zu viele Unsicherheiten.
best-news: Was sind Ihre nächsten Pläne?
Juergen-Theodor: Ich möchte sowohl experimentell
als auch gentechnologisch an der weiteren Erforschung der molekularen Vorgänge
bei der Entwicklung und der Regeneration des auditorischen Systems von Säugetieren
arbeiten. Letztlich zielt mein Interesse auf eine Verbesserung des Hörvermögens,
das durch Krankheit, Verletzung oder Alterung beeinträchtigt wurde. Gerne
würde ich auch nach Deutschland zurückkehren, was aber gar nicht so
leicht ist, weil für Forschungsprojekte, die für mich in Frage kommen,
meist keine Personalmittel zur Verfügung stehen. Diese könnten aber
zum Beispiel von Firmen, die Hörgeraete herstellen, zur Verfügung
gestellt werden.
best-news: Sie suchen also einen Sponsor?
Juergen-Theodor: Ja, es wäre doch eine klassische „win-win“
Situation, sowohl für den Sponsor wie für mich, da diese Firmen bei
der Präsentation von aktuellen Forschungsergebnissen ständig genannt
würden. Ich denke auch an wohlhabende Schwerhörige und/oder Stiftungen,
die schwerbehinderten Nachwuchskräften bei ihrem nicht so einfachen Weg
durch die akademische Laufbahn die nötige Unterstützung bis zum Schritt
in die Selbstständigkeit geben wollen.
Wir erleben zur Zeit, dass in Ländern wie England, den USA oder Deutschland
nur noch 10-12% der Forschungsanträge durch die jeweiligen landesspezifischen
Evaluierungskommissionen gefördert werden. Deshalb sehe ich mich genötigt,
einen privaten Sponsor für ein Habilitationsstipendium in Deutschland zu
suchen.
email: Juergen-Theodor.Fraenzer[at]gmx.net
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