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Das Cochlea Implant
Die hier dargestellte Annäherung an das komplexe Thema Cochlea Implant
erfolgt aus drei verschiedenen Perspektiven: aus der Sicht zweier CI-Trägerinnen,
aus dem Blickwinkel eines Audiologen, der die Technik eines Implants an die
Bedürfnisse der Patienten anpasst, und aus der Perspektive einer Gehörlosenpädagogin,
die nach den Erfolgen künstlichen Hörens bei Kindern forschte. Der
Bericht fasst die Ergebnisse einer Fortbildungsveranstaltung an der Samuel-Heinicke-FOS
in München am 7. Dezember 2004 zusammen.
Persönliche Erfahrungen
Während der Laie beim CI geneigt ist, nur messbare Verbesserungen in
der Kommunikation als erstrebenswert zu achten, wurde aus den persönlichen
Erfahrungsberichten von Christine Cremer und Sabina
Mutzbauer deutlich, dass der Gewinn für die Betroffen weit vorher
einsetzt, nämlich bei der Wahrnehmung von alltäglichen Umweltgeräuschen.
Ein zartes Vogelgezwitscher stellt für einen CI-Träger eine ebenso
neue wie schöne Hörerfahrung dar, wie das brachiale Donnern der Klosettspülung.
Alle Klänge müssen aber erst interpretiert und als Hörmuster
gelernt werden. Dieser Prozess kann lange Zeit dauern. Bei Christine Cremer
stellte sich im ersten Jahr nach der Implantation zunächst eher Hörfrust
ein, doch dann, nach etwa drei Jahren war sie so weit, dass sie mit CI sogar
telefonieren konnte. Jetzt schätzt sie ihr Sprachverständnis auf dem
mit CI versorgten Ohr als prägnanter ein als auf der anderen Seite, auf
der sie mit Hörgerät hört. Doch das Hören mit Hörgerät
vermittelt ihr mehr „Volumen“. Sie ist glücklich, dass sie
beides zu einem Höreindruck verbinden kann.
Elektrische Hörstimulation
Herr Dr. Baumann ist seit zehn Jahren im Team in der Universitätsklinik
Großhadern der Spezialist für Medizin-Physik und Audiologie. An dieser
Klinik werden jährlich 30 CIs implantiert. Zusammen mit den OPs im Klinikum
Rechts der Isar entspricht die Quote in etwa dem Bedarf in Südbayern. Auf
diese Beschränkung bestehen die Krankenkassen, die alleine für Materialkosten
26 000.- € pro Implant zahlen müssen.
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Dr.- Ing. Uwe Baumann, Audiologe und Medizin-Physiker
in der Ludwig-Maximilians-Universität München, Klinikum Großhadern
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Den Zuhörern vermittelte Dr. Baumanns eine anschauliche Vorstellung davon,
wie ein CI-Träger hören könnte. Er führte zu diesem Zweck
Tonaufnahmen vor, bei denen Sprache durch Synthesizer ähnlich verändert
wurde wie durch einen CI-Sprachprozessor. Was sich zunächst wie ein synthetisch-technisches
Fiepsen anhörte, konnte dann durch den Vergleich mit der Originalstimme
sowie durch wiederholtes Abspielen doch als Sprache erkannt und schließlich
verstanden werden. So in etwa verläuft auch das Hören-Lernen mit CI
während der Anpassungsphase. Man muss für jedes Phonem, für jede
Silbe und für jedes Wort das neue Hörmuster erkennen und abspeichern.
Wichtigstes Merkmal solcher sprachlichen Hörmuster ist deren zeitliche
Struktur, das Frequenzspektrum rangiert erst an zweiter Stelle.
Hörbeispiel: Sprache
Während bei der Sprachübermittlung mit CI sehr gute Ergebnisse erreichbar
sind, stößt man bei der Wahrnehmung von Musik rasch an Grenzen. Der
Grund liegt in der Besonderheit der Stimulation des Hörnervs durch die
Elektroden. Während beim gesunden Ohr die cochleäre Wanderwelle ein
Frequenzkontinuum von 20 Hz bis 20 kHz entlang der ca 35 – 42 mm langen
Basilarmembran linear auffächert und so selektiv wahrnehmbar macht, erfolgt
die elektrische Stimulation durch die in den Cochleaschlauch eingeführten
Hörelektroden nur punktuell an beispielsweise 12 Doppelelektroden. Eine
Aktivierung der am Schneckeneingang gelegenen Elektroden bewirkt zwar wie beim
gesunden Ohr den Eindruck eines hohen Tones und je näher die Elektrode
zur innersten Windung liegt, desto tiefer ist der bewirkte Höreindruck.
Anders als beim gesunden Ohr, (dessen Hörnerv bei Schallereignissen mit
Frequenzen unterhalb 1000 Hz durch die Hörsinneszellen in einer gleich
hohen Frequenz befeuert wird,) können aber über die Veränderung
der Pulsrate der Elektroden-Stimulation nicht zusätzliche Tonhöheneindrücke
hervorgerufen werden. Der Rhythmus von Musik ist so zwar gut darstellbar, die
ästhetische Hörempfindung, die sich aus dem Zusammenklang von Grund-
und Obertönen ergibt, bleibt dabei jedoch weitgehend auf der Strecke. Gleichwohl
können einzelne CI-Träger Musik mit Genuss hören – Untersuchungen
lassen darauf schließen, dass dies auch von der Einstellung des Betroffenen
zur Musik abhängig ist.
Hörbeispiel: Musik
Der Hörkomfort hängt aber auch von der Art der Versorgung ab:
- Beim bimodalen Hören, bei dem ein Ohr mit Hörgerät versorgt
ist, das andere mit CI, ergibt sich je nach Restgehör ein vollerer Klang
und ein rudimentäres Richtungshören.
- Bei bilateraler Versorgung mit zwei CIs sind beim Richtungshören und
beim Hören im Störgeräusch die besten Ergebnisse zu erzielen-
- Das Hören mit Hybridgeräten, die im Tieftonbereich bis etwa 1000
Hz auf konventionelle akustische Verstärkung setzen und die CI-Versorgung
nur für den höherfrequenten Bereich nutzen (mit entsprechend verkürztem
Elektrodendraht), befindet sich noch in der Erprobung. Es ist jedoch zu erwarten,
dass mit dieser elektroakustischen Stimulation (EAS) ein Höreindruck hervorgerufen
wird, der dem natürlichen am nächsten kommt.
Hörfortschritte bei CI Kindern
Frau Dr. Jones-Ullmann war vor ihrer Zeit am SchulCentrum
Augustinum an der Hochschule tätig. In einem Forschungsprojekt, über
das sie auch promovierte, untersuchte sie die Entwicklung der auditiven Sprachperzeption
(akustische Verstehen von Sprache) von Kindern mit CI im Vergleich zu der von
mittel- bis hochgradig hörgeschädigten Kindern mit konventioneller
Hörgeräteversorgung. Die Hörschädigung der Kinder trat in
allen Fällen prälingual auf (d.h. hier vor dem 18. Lebensmonat). Ziel
der Arbeit war es, Faktoren herauszufinden, die auf einen Erfolg bzw. Misserfolg
der Implantation Einfluss nehmen. Bisherige Arbeiten zu diesem Thema waren methodisch
anfechtbar, weil etwa der Zeitpunkt der Ertaubung vernachlässigt wurde.
Den Ergebnissen dieser Untersuchungen war oft das Interesse der Auftraggeber
(Industrie und CI-Zentren) anzumerken, die neue Technik erfolgreich darzustellen.
Dr. Jones-Ullmann passte standardisierte Sprachverständnistests für
Kleinkinder aus dem angolamerikanischen Raum an die deutsche Sprache an und
untersuchte damit die Entwicklung der auditiven Wahrnehmung der beiden Untersuchungsgruppen
(jeweils 20 Kinder, für die sie keine Vorselektion vornahm) im Abstand
von 4 Jahren. Wichtigstes Kriterium der Tests war das richtige Erkennen der
Silbenanzahl von vorgesprochenen Wörtern. Einige der Ergebnisse ihrer Untersuchung
stellte die Referentin vor:
- Die Ergebnisse der CI-Kinder waren besser, wenn in er Familie lautsprachlich
(nicht LBG) kommuniziert wurde.
- Sie waren besser bei Mädchen als bei Buben,
- und die Sprachperzeption verbesserte sich in Abhängigkeit von der Hörerfahrung
mit CI deutlich (nach 4 Jahren merklich besser als nach 2 Jahren).
- Je früher die Implantation erfolgte, desto größer waren die
Erfolgsaussichten: Bei einem Implantationsalter von 1,7 bis 2,10 Jahren waren
die Ergebnisse deutlich besser als bei einem Alter von 3 – 4,5 Jahren.
- Im Vergleich der beiden Gruppen miteinander schnitten die CI-Kinder leicht
besser ab als die Kinder mit Hörgeräten.
- Allerdings konnte Dr. Jones-Ullmann bei jeweils etwa einem Viertel der Kinder
beider Gruppen selbst nach vier Jahren noch kein rudimentäres auditives
Sprachverständnis feststellen.
Ergebnisse
In der abschließenden Diskussion wurde darauf verwiesen, dass die Arbeit
von Dr. Jones-Ullmann die Erfahrungen aus der Förderpädagogik bestätigt,
dass eine CI-Versorgung ebenso wie eine Versorgung mit Hörgeräten
weit gestreute Resultate zeigen kann. Adäquate technische Hörhilfen
sind zwar eine notwendige Voraussetzung für eine gelungene Sprachentwicklung,
weder CI noch HdOs können diese aber garantieren.
Auf eine gemeinsame Erkenntnis wiesen alle Referenten gleichermaßen hin:
Das Hörenlernen mit CI ist keineswegs mit der Anpassung des Sprachprozessors
abgeschlossen, sondern es ist ein langer, vielleicht sogar lebenslanger Prozess,
innerhalb dessen man selbst nach vielen Jahren der Hörerfahrung noch Fortschritte
erzielen kann.
Walter Kern
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