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Das Überforderungssyndrom bei hörgeschädigten StudentInnen und AbsolventInnen - Möglichkeiten der medizinischen und sozialen Rehabilitation


^1. Überforderung

Überforderung bedeutet ein Missverhältnis zwischen den eigenen oder von außen gestellten Ansprüchen und den tatsächlich gegebenen Möglichkeiten und Fähigkeiten.

^1.1. Kommunikative Überforderung = Hörstress

Bei Schwerhörigen kann man sagen, dass die akustischen Signale (im Vergleich zu gut Hörenden) immer nur bruchstückhaft aufgenommen werden, insbesondere bei größeren Entfernungen oder unter Störschallbedingungen. Man ist deshalb kognitiv vor allem damit beschäftigt, erst mal das Gesprochene zu verstehen, für die inhaltliche Weiterverarbeitung der aufgenommenen Informationen stehen nur noch wenige geistige Kapazitäten zur Verfügung. Ein deutlich erhöhter Konzentrationsaufwand bei jeder Form des Zuhörens ist deshalb erforderlich, oft muss der Schwerhörige zusätzliche Informationen über Lippenabsehen, Körpersprache des Gegenübers und nonverbale Kommunikation mit einbeziehen. Da trotz Nutzung aller zur Verfügung stehenden Informationskanäle meist noch kein vollständiges Verstehen ermöglicht wird, müssen die entstandenen Lücken über Kombinieren aus dem Sinnzusammenhang geschlossen werden. All dies bedeutet einen erheblichen zusätzlichen kognitiven und konzentrativen Aufwand, ich bezeichne dies als "Hörstress". Der permanente Hörstress führt beim Schwerhörigen zu einer vorzeitigen Erschöpfung, einer vegetativen Aktivierung und nach und nach zu einem Verlust der Entspannungsfähigkeit, d.h. man kann sich dann auch in der Freizeit nicht mehr entspannen und erholen. Natürlich ist das Ausmaß des Hörstress abhängig von der konkreten Situation, also vor allem vom Störschallpegel, von der Sprechweise des Gesprächspartners und von den eigenen kommunikativen Fähigkeiten.

Auch für Gehörlose bringt die Kommunikation einen erheblichen Stress mit sich, auch dann, wenn Dolmetscher zur Verfügung stehen. Da ist zum einen das angestrengte Hinsehen auf den Dolmetscher, das Problem, dass es nicht für jedes Fachwort eine Fachgebärde gibt und das weitere Problem, dass der Dolmetscher zeitlich immer etwas zurück ist, so dass man sich in Diskussionen nicht im geeigneten Augenblick einbringen kann. Vor allem auch die Tatsache, dass nicht immer genügend ausreichend qualifizierte Dolmetscher zur Verfügung stehen und man einen erheblichen Teil seiner Zeit und Energie dafür aufwenden muss, die Dolmetscher zu organisieren, bedeutet schon eine Menge Stress. Man kann das dann zwar nicht als "Hörstress" bezeichnen, jedoch ist es ebenfalls eine Form von kommunikativem Stress, was rasch zur Überforderung führen kann.

^1.2. Fachliche Überforderung

Fachliche Überforderung hat primär nichts mit einer Hörschädigung zu tun. In Verbindung mit dem oben erwähnten Problem des Hörstress muss jedoch berücksichtigt werden, dass weniger geistige Kapazitäten zur Verfügung stehen, um die aufgenommenen Informationen auch inhaltlich schnell und korrekt einzuordnen und weiter zu verarbeiten. Unabhängig davon ist es normal, dass jeder Student und auch jeder Berufstätige immer wieder in Situationen kommt, wo man sich fachlich überfordert fühlt. Dies führt zu Angst und innerer Anspannung, was wiederum die Aufnahmefähigkeit für neue Informationen erheblich einschränkt. Bei einer Hörschädigung wirkt sich dies automatisch wieder auf die Kommunikation aus. Wohl jeder Schwerhörige und Gehörlose kennt die Situation, dass man schlechter versteht, wenn man unter Angst und Anspannung steht. Man kommt dann schnell in einen Teufelskreis von fachlicher Überforderung - Versagensangst - schlechterem Verstehen - Zunahme der Informationsdefizite - Zunahme der fachlichen Überforderung.

^1.3. Psychische Überforderung

Eine psychische Überforderung kann sich allein schon aus der o.g. kommunikativen und fachlichen Überforderung ergeben, wenn Versagensängste auftauchen und in dem o.g. Teufelskreis von Ängsten - verminderter kommunikativer Aufnahmefähigkeit - fachlicher Überforderung münden.

Eine psychische Problematik kann jedoch auch noch auf einer ganz anderen Ebene bestehen: Eine Hörschädigung ist in unserer Gesellschaft mit einer ausgeprägten Stigmatisierung behaftet. Schwerhörige und Gehörlose werden oft nicht für voll genommen. Wenn ich während meines Studiums um eine besondere Unterstützung bitten musste, z.B. das Tragen des Mikrofons für die Mikroport-Anlage, so begegnete ich häufig Unverständnis nach dem Motto "Warum muss der auch ausgerechnet Medizin studieren". Das selbe gilt auch heute noch z.B. bei Fortbildungen. Ich habe oft das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, ja sogar beweisen zu müssen, dass ich das kann. Den Chefarzt möchte man mir auch nicht so recht abnehmen, wenn ich mich irgendwo vorstelle. Ich denke, das geht vielen von Ihnen genauso. Dieses "Nicht-für- voll-genommen-Werden" bedeutet für die Betroffenen eine erhebliche narzißtische Kränkung, also eine Verletzung des eigenen Selbstbildes. Daraus resultiert dann eine innere Wut, die in irgendeiner Form kanalisiert werden muss. Da Wut eine sozial unerwünschte Reaktion ist und sehr viele Menschen dazu erzogen worden sind, die Wut nicht nach außen zu tragen (Wut gehört sich nicht für einen zivilisierten Menschen), wird die Wut nach innen verarbeitet, entweder in Form einer Depression oder in Form von psychosomatischen Erkrankungen. Depressionen und psychosomatische Erkrankungen können somit verstanden werden als unterdrückte Aggressionen und innere Wut auf Vorgänge und Lebensereignisse, für die die Betreffenden keine adäquaten Bewältigungsmöglichkeiten mehr finden können.

In diesem Zusammenhang muss auch der chronische Tinnitus erwähnt werden. Fast alle Hörgeschädigten haben ständig oder latent Tinnitus. Ob der Tinnitus bewältigt werden kann oder als störend empfunden wird, hängt entscheidend von der subjektiven Bewertung und der emotionalen Situation ab. Bei einer bestehenden Überforderung, egal ob kommunikativ, fachlich oder psychisch, tritt der Tinnitus immer störender in den Vordergrund und führt seinerseits zu erheblichen psychosozialen Folgen.

^1.4. Burn-out-Syndrom

Die verschiedenen Formen der Überforderung können unabhängig voneinander gleichzeitig bestehen oder aufeinander aufbauen. So kann es z.B. sein, dass sich aufgrund einer kommunikativen Überforderung eine fachliche Überforderung einstellt und dann, wenn der Druck zu groß wird, auch eine psychische Überforderung.

Ein Überforderungszustand hat - im Gegensatz zu einer vorübergehenden Erschöpfung - Krankheitswert, die Medizin hat dafür den Begriff "burn-out-Syndrom" geprägt. Dieser kommt eigentlich aus der Arbeitswelt, ist jedoch häufig auch schon bei Studenten zu beobachten. In der Rehaklinik sagen wir dazu auch "psychovegetativer Erschöpfungszustand".

Für die Behandlung reicht es meist nicht aus, sich im Urlaub etwas zu erholen, da danach die Probleme, die zur Überforderung geführt haben, ja weiterbestehen und man sich ohne Perspektive auf eine Veränderung erst gar nicht richtig erholen kann. Es sind deshalb weitergehende Maßnahmen erforderlich, die neben der notwendigen Erholung mit körperlicher und psychischer Stabilisierung auch darauf abzielen, etwas an der bestehenden Situation zu verändern. Hierbei muß man unterscheiden zwischen inneren und äußeren Veränderungen. Mit inneren Veränderungen meine ich, dass etwas an der eigenen Person verändert wird, z.B. Verbesserungen der kommunikativen Fähigkeiten, aber auch im psychischen Bereich durch Überprüfung der eigenen Einstellung, der Motivation oder der gesteckten Ziele. Äußere Veränderungen sind z.B. Umgestaltung am Arbeitsplatz, Verbesserung der Akustik, ein klärendes Gespräch mit dem Chef etc..

Ein solcher Prozess, der langfristige Veränderungen zum Ziel hat, um die Arbeitsfähigkeit zu sichern oder wiederherzustellen, bezeichnet man als Rehabilitation.

^2. Rehabilitation

Allgemein bedeutet Rehabilitation "Wiederherstellung oder Wiedereingliederung".

Da chronische Krankheiten und Behinderungen nicht geheilt werden können, ist es Aufgabe der Rehabilitation, gesundheitliche, berufliche und soziale Folgen der Krankheit oder der Behinderung zu behandeln oder zu lindern und durch geeignete Maßnahmen eine bestmögliche Lebensqualität sowie die bestmögliche berufliche und soziale Integration sicherzustellen.

^2.1. Medizinische Rehabilitation

Unter medizinische Rehabilitation fallen nicht nur die rein körperlich (= somatisch) orientierten Therapieverfahren, sondern auch psychotherapeutische und psychosomatische Behandlungen. Bei Patienten mit einer Hörschädigung, die unter einer Überforderungssymptomatik leiden, stehen vor allem die psychovegetative Stabilisierung und die Erarbeitung von Bewältigungsmöglichkeiten (Coping-Strategien) im Vordergrund. Hier hat die stationäre Behandlung in einer Reha-Klinik einen herausragenden Stellenwert, da eine solche Behandlung die Herausnahme aus der Alltagssituation ermöglicht. Nur so kann man sich für einige Zeit abgrenzen von der täglichen Stressbelastung, kann die Verantwortung einmal abgeben, kann sich einmal auf sich selbst konzentrieren, ohne ständig Rücksicht nehmen zu müssen auf andere, kann den Hörstress reduzieren und positive Erfahrungen in einem geeigneten Umfeld machen.

Von den verschiedenen Schwerpunkten, die wir im Rahmen einer stationären Rehabilitationsbehandlungen in der Baumrainklinik setzen, soll hier nur einer, die Selbstreflektion zur besseren Integration der Hörschädigung in das eigene Selbstbild näher erläutert werden: Während Gehörlose in der Regel eine stabile Identität und positive Einstellung zu ihrer Gehörlosigkeit haben, fällt es den meisten Schwerhörigen schwer, ihre Schwerhörigkeit auch innerlich anzunehmen und emotional zu akzeptieren. Frühschwerhörige sind dabei weniger betroffen als Menschen, die erst später ihr Gehör verloren haben und diejenigen, die in einer Schwerhörigenschule waren, kommen wiederum besser zurecht als Schwerhörige, die eine Regelschule besucht haben.

Die Integration der Schwerhörigkeit in das Selbstbild kann m.E. nur dann positiv verlaufen, wenn man positive Gruppenerlebnisse in einer Gruppe von Gleichbetroffenen erfährt. Die meisten Schwerhörigen fühlen sich im Alltag als Einzelkämpfer, unverstanden von der hörenden Welt, sogar unverstanden von der eigenen Familie. Dies führt automatisch dazu, dass man versucht, die eigene Behinderung zu verstecken und zu verleugnen. Um einen konstruktiven Umgang mit der Schwerhörigkeit erreichen zu können, ist jedoch der Einsatz von technischen Hilfen und Kommunikationsstrategien unumgänglich. Dies wiederum kann nur dann erfolgreich sein, wenn der Betroffene in der Lage ist, sich auf die Situation so optimal wie möglich einzustellen. Der ewige Vorwurf "die anderen sprechen zu undeutlich" oder "die Professoren laufen immer nur herum und geben sich keine Mühe" hilft überhaupt nicht weiter. Auch wenn meine Aussage, dass man seine Hörschädigung akzeptieren muss, selbstverständlich erscheinen mag, so sieht die Realität doch anders aus. Wenn ich in der Klinik unseren Patienten einen Empfänger für die Mikroport-Anlage anbiete, kommt in aller Regel die Antwort: "Das brauche ich nicht". Dann sehe ich während des Vortrages, wie sich die Betroffenen damit quälen, den Inhalt zu verstehen und dann doch nur die Hälfte mitbekommen. Wenn ich sie dann am Ende des Vortrages darauf anspreche, dass es mit einem Empfänger vielleicht doch leichter gewesen wäre, bekomme ich in der Regel die Antwort: "Ich habe doch alles verstanden und außerdem haben Sie sehr undeutlich gesprochen".

Mit solchen Aussagen wird zum einen verleugnet, dass man vieles doch nicht mitbekommt und dann wird "den Hörenden, die ja keine Ahnung haben, was es bedeutet hörgeschädigt zu sein" die Schuld für die kommunikativen Schwierigkeiten gegeben. Wer sich jedoch immer nur als unschuldiges "Opfer" fühlt und sich moralisch über die "Täter" entrüstet, kommt nicht weiter (vgl. den Beitrag von Frau Liss). Vielmehr haben die Hörgeschädigten hier eine "Bringschuld": Sie müssen von ihrer Seite aus alles tun was möglich ist, um die Kommunikation zu verbessern, das mindeste dabei ist, eine Mikroportanlage zu tragen und sich in die erste Reihe zu setzen.

Meist verhalten sich die Schwerhörigen jedoch so, dass sie ihre Hörbehinderung verstecken oder bagatellisieren. Dadurch schaden sie sich letzten Endes aber selbst, da sich dann auch die Anderen nicht auf die Situation einstellen können.

Solche Zusammenhänge zu erarbeiten, zu reflektieren auch innere Gefühle wie Wut und Trauer über die verlorene Hörfähigkeit anzusprechen und konstruktive Bewältigungsmöglichkeiten zu erarbeiten, ist eine der Hauptaufgaben der medizinischen Rehabilitation für Hörgeschädigte.

^2.2. Kommunikative Rehabilitation

Hierzu gehören alle Maßnahmen, die die Kommunikation in irgendeiner Form verbessern. Bei Schwerhörigen und CI-Trägern muss dabei überprüft werden, ob alle technischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Es ist immer wieder traurig, wie wenige Schwerhörige wirklich gut oder sogar optimal mit Hörgeräten versorgt sind. Gerade für Studium und Beruf ist auch der Einsatz technischer Hilfsmittel wie Mikroport-Anlage, Telefonverstärker u.a. sehr wichtig. Da die Lösungen immer sehr individuell auf den Einzelfall zugeschnitten werden müssen, muss man sich informieren über das Angebot an technischen Hilfen und dann selbst überlegen, wie das am jeweiligen Studienort oder am Arbeitsplatz umgesetzt werden kann.

Zur kommunikativen Rehabilitation gehören natürlich auch Lippenabsehtraining, Hörtraining und das Erlernen von Gebärdensprache. Lippenabsehen braucht man immer dann, wenn z.B. bei hohem Störschallpegel eine akustische Verständigung nicht mehr möglich ist, und so etwas kommt sehr häufig vor. Der Begriff Hörtraining kommt vor allem aus dem CI-Bereich, da CI-Träger nach der Implantation das Hören wieder lernen müssen. In der Baumrainklinik haben wir allerdings die Erfahrung gemacht, dass auch für Hörgeräteträger, für die ein CI noch nicht indiziert ist, mit entsprechendem Hörtraining das Verstehen noch enorm verbessert werden kann. Mit Erlernen von Gebärdensprache meine ich natürlich nicht die Gehörlosen, die können das nämlich schon. Gemeint sind hier Schwerhörige, Ertaubte und CI-Träger, die trotz optimaler technischer Versorgung und Lippenabsehen sehr häufig an ihre Grenzen stoßen, z.B. bei Gruppenseminaren, größeren Besprechungen u.ä.. Hier ist der Einsatz von Dolmetschern oft die einzige Möglichkeit, etwas zu verstehen. Um einen Dolmetscher nutzen zu können, muss man jedoch selbst die Gebärdensprache beherrschen. Für mich persönlich wäre mein beruflicher Aufstieg zum Chefarzt ohne Gebärdensprache und Dolmetscher nicht möglich gewesen.

Sie müssen sich also überlegen, welche Verbesserungen zur Kommunikativen Situation es gibt. Und dann müssen sie das auch konkret umsetzen. Haben Sie bloß nicht die Illusion, dass irgend ein netter Professor oder Abteilungsleiter zu Ihnen kommt und sagt: "Ach, guten Tag Herr Meier, ich habe gehört, Sie sind schwerhörig. Da sollten wir doch mal eine Konferenzanlage im Raum installieren, die Sitzordnung verändern und den Gesprächsverlauf in den Besprechungen besser strukturieren". Solche Veränderungen müssen Sie selbst organisieren, sie müssen die Initiative ergreifen. Sie müssen sich überlegen, wie Ihre kommunikativen Bedürfnisse sind, müssen dafür konkrete Lösungsvorschläge ausarbeiten und diese mit dem Arbeitgeber und dem Kostenträger abstimmen. Wenn sie das alles gut planen, gibt es in der Regel auch viel weniger Schwierigkeiten, das so umzusetzen, auch kostenmäßig. Meist scheitern solche konstruktiven Lösungen jedoch daran, dass die Leute ihre Schwerhörigkeit verschweigen oder herunterspielen, sei es aus Angst vor negativen Auswirkungen am Arbeitsplatz oder aus Scham.

^2.3. Berufliche und soziale Rehabilitation

Die berufliche und soziale Rehabilitation betrifft in erster Linie Menschen, die bereits im Berufsleben stehen und ihren Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben können oder am jetzigen Arbeitsplatz nicht mehr tätig sein können. Die berufliche Rehabilitation greift auch dann, wenn absehbar ist, dass der Arbeitsplatz gefährdet ist oder absehbar ist, dass eine mittel- oder längerfristige Beschäftigung in diesem Beruf oder an diesem Arbeitsplatz nicht mehr möglich sein wird.

In Deutschland gibt es das so genannte "gegliederte System" mit einer Vielzahl von Kostenträgern, die für rehabilitative Maßnahmen in Frage kommen. Hierzu gehören:
  • die Rentenversicherungsträger (BfA, LVA'en) bei Berufstätigen, die bereits eine Rentenanwartschaft erworben haben durch mindestens 15-jährige Beitragszeiten
  • die Hauptfürsorgestelle für Schwerbehinderte mit einem GdB von mindestens 50% oder von 30% und einer Gleichstellung durch das Arbeitsamt
  • die Berufsgenossenschaften bei Arbeitsunfällen oder beruflich bedingten Erkrankungen
  • das Arbeitsamt für alle übrigen Rehabilitanden, für die kein anderer Kostenträger zuständig ist.

Die Krankenkassen sind dagegen nur in Ausnahmefällen für berufliche oder soziale Rehabilitationsleistungen zuständig.

Die Leistungen, die gewährt werden können, kann man wie folgt unterteilen:
  • Maßnahmen zur behindertengerechten Ausstattung des Arbeitsplatzes:
    Hierzu gehören vor allem technische Hilfen und bauliche Maßnahmen. Bei Hörgeschädigten zählen hierzu insbesondere technische Hilfsmittel, aber auch Schalldämmungsmaßnahmen bei hohem Störschallpegel, Umsetzung vom Großraumbüro in ein Einzelzimmer, die Einrichtung eines Intranets um die Kommunikation innerhalb des betriebs zu verbessern etc.. Auch die Zuzahlung für höherwertige Hörgeräte soll hier erwähnt werden, als Kostenträger kommt nicht nur die Hauptfürsorgestelle in Frage, sondern auch das Arbeitsamt oder die Rentenversicherungen, wenn kein GdB von 50% oder keine Gleichstellung vorhanden ist. Dies ist insbesondere der Fall bei Menschen mit eher leichtgradiger Schwerhörigkeit, aber sehr kommunikationsintensiven Berufen, die für ihre berufliche Tätigkeit eine optimale Hörgeräteversorgung und weitere technische Hilfsmittel benötigen. Erwähnt werden soll in diesem Zusammenhang auch, dass alle diese Hilfsmittel auch beantragt werden können, wenn sie zwar nicht am Arbeitsplatz, aber für notwendige Fortbildungen benötigt werden.
  • Maßnahmen zur innerbetrieblichen Umsetzung:
    Wenn absehbar ist, dass der derzeitige Arbeitsplatz trotz technischer oder baulicher Umgestaltung nicht weiter ausgeübt werden kann, kommt eine innerbetriebliche Umsetzung auf einen anderen Arbeitsplatz in Frage. Beispiel kann sein die Herausnahme eines Arbeiters aus der Produktion in der lauten Werkshalle z.B. in den Bereich der Qualitätskontrolle. Oft sind solche Umsetzungen auch verbunden mit Weiterbildungs- oder Weiterqualifizierungsmaßnahmen, die dann ebenfalls vom Rehabilitationsträger bezahlt werden. Umsetzungen können natürlich auch mit einer Gehaltsänderung nach oben oder unten verbunden sein, wobei teilweise Lohnkostenzuschüsse bezahlt werden, teilweise Gehaltseinbußen auch in Kauf genommen werden müssen.
  • Umschulungs- oder Weiterqualifizierungsmaßnahmen:
    Wenn absehbar ist, dass mit der derzeitigen beruflichen Qualifikation innerhalb der Firma keine geeignete Stelle gefunden werden kann und auch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt keine Vermittlungsaussichten bestehen, kann eine Umschulung oder eine Weiterqualifizierung erforderlich werden. Da dies eine sehr weit reichende Entscheidung ist, erfordert dies eine ausführliche Beratung und eine genaue Prüfung des Einzelfalls, vor allem auch im Hinblick auf die zukünftigen Chancen am Arbeitsmarkt im neuen Beruf. Die Vermittlungsquoten für solche Umschüler und Rehabilitanden sind mit etwa 75% jedoch sehr gut, so dass vor allem jüngere Betroffene diese Möglichkeit als ernsthafte Alternative betrachten sollten.
  • Arbeitserprobungszentren, Selbsthilfefirmen:
    Wenn unklar ist, wie das Leistungsvermögen eines Rehabilitanden einzuschätzen ist, kann eine Arbeitserprobung in einem entsprechenden Zentrum sinnvoll sein.

    Selbsthilfefirmen sind Firmen, die mit Unterstützung der verschiedenen Leistungsträger geführt und von diesen gefördert werden und die somit nicht den harten wirtschaftlichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes ausgesetzt sind. Dies kommt in Frage für Leute, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht mehr eingliederbar sind, für die jedoch eine Werkstatt für Behinderte eine Unterforderung bedeuten würde.

Insgesamt ist das Angebot an beruflichen und sozialen Rehabilitationsmaßnahmen sowie die Zuständigkeiten der Kostenträger für einen Laien (und teilweise auch für die Fachleute) nicht mehr überschaubar, weshalb qualifizierte Beratung und Prüfung des Einzelfalles unumgänglich ist. Bei Patienten, die sich zur stationären Rehabilitationsbehandlungen in unserer Klinik befinden, können wir im Entlassungsbericht ankreuzen "Berufsfördernde Maßnahmen werden angeregt". Dann wird der Rentenversicherungsträger prüfen, welcher Kostenträger und welche Maßnahmen im Einzelfall in Frage kommen. Für Schwerbehinderte bietet sich als erste Anlaufstelle auch die Hauptfürsorgestelle an, teilweise gibt es in den einzelnen Bundesländern auch spezielle Fachdienste für Hörgeschädigte oder psychosoziale Dienste, die auch das nötige Fachwissen für die Problematik einer Hörschädigung mitbringen. Für diejenigen, die überhaupt nicht wissen, wer für sie zuständig ist, empfehle ich, sich zunächst an das Arbeitsamt zu wenden, dort um eine Beratung zu bitten und einen Rehabilitationsantrag zu stellen.

^3. Prävention

Folgende Punkte sind dabei wichtig, um eine Überforderung schon von vornherein zu vermeiden:
  • Selbstsicherheit, Selbstbewußter Umgang mit der eigenen Hörschädigung.
  • Optimales Ausnutzen der zur Verfügung stehenden technischen und nonverbalen Kommunikationshilfen.
  • Kräfte sinnvoll einteilen, auf ausreichende Regeneration achten, Warnsignale des Körpers (z.B. Hörsturz, Tinnitus) nicht ignorieren. Nicht nur arbeiten und lernen, auch für Ausgleich sorgen.
  • Realistische Ziele setzen, sowohl im Studium, als auch im Beruf. Ehrgeiz ist wichtig und notwendig, aber nur im Rahmen des Erreichbaren.
  • Motivation überprüfen. Will ich das, was ich tue, auch wirklich? Weiß ich überhaupt, was ich will? Die eigene Motivation ist sehr wichtig, dagegen ist es nicht sinnvoll, einen Beruf zu ergreifen, der in erster Linie dem Wunsch der Familie entspricht.
  • Kontakt zu Kollegen, Vorgesetzten, Mitstudenten u.a. positiv gestalten, sich z.B. auch an gemeinsamen Freizeitaktivitäten beteiligen. Konflikte kosten zusätzlich Kraft und Nerven, deshalb müssen Reibungspunkte erkannt, kritisch hinterfragt und dann gelöst werden. Bei der Bewältigung eines Konfliktes immer versuchen, bei sich selbst anfangen.

^Dr. Roland Zeh

Dr. Roland Zeh, der Autor des Beitrags, ist inzwischen Chefarzt der Abteilung für Hörgeschädigte und Tinnitus-Betroffene an der Kaiserbergklinik in Bad Nauheim. Er ist seit seinem siebten Lebensjahr fast völlig ertaubt und trägt beidseitig CIs. In der Kaiserberg Klinik werden stationär Rehabilitationsbehandlungen für Gehörlose, Schwerhörige, Ertaubte sowie CI-Träger durchgeführt, außerdem haben sie ein spezielles Behandlungsprogramm für Patienten mit chronischem Tinnitus.

[aus best-news Heft 10, erschienen 2000]




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   Inhalt:
1.Überforderung
 1.1.Kommunikative Überforderung = Hörstress
 1.2.Fachliche Überforderung
 1.3.Psychische Überforderung
 1.4.Burn-out-Syndrom
2.Rehabilitation
 2.1.Medizinische Rehabilitation
 2.2.Kommunikative Rehabilitation
 2.3.Berufliche und soziale Rehabilitation
3.Prävention
  Dr. Roland Zeh

             





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