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Englischunterricht für Gehörlose an der Fachoberschule

>  Aufgabenstellungen des Englischunterrichts
>  Die Entwicklung des Sprachverständnisses
>  'Das haben wir nicht gelernt!' - Pädagogischer Exkurs zur Arbeitshaltung
>  Probleme mit der deutschen Schriftsprache
>  Kreative Aufgabenstellungen
>  Fremdsprachendidaktik: Dreisprachiger Englischunterricht?
>  Der Faktor Zeit



^ Englischkenntnisse für den Alltagsgebrauch wie auch für das Verständnis von englischsprachiger Fachliteratur im Laufe eines Hochschulstudiums und für die sachgerechte Kommunikation im Berufsleben - diese Kenntnisse zu erlangen ist das Ziel von Schülern der Fachoberschule. Gelehrt und dann auch bayernweit geprüft wird dies bislang an Texten aller Art. Die Aufgabenstellungen lassen sich im wesentlichen drei Bereichen zuordnen:
  • Fragen zum Text,
  • Übersetzung ins Deutsche,
  • kreative Textproduktion - Kurzaufsatz und Brief.

Für gehörlose Schüler, deren Hörbehinderung Sprachbehinderung bedeutet, mußte das Erreichen dieses Ziels enorme Probleme aufwerfen. Wie unsere Schüler an den Anforderungen, denen sie sich stellten, gewachsen sind, soll anhand eines Beispiels zum Thema "Minderheiten in den USA" vom Ende des ersten Jahres an der Fachoberschule gezeigt werden.

(Anm.: Die folgenden Beispiele sind Teil einer Textaufgabe aus dem Kapitel "Minorities" aus dem Lehrwerk "Focus on Success" von Michael Macfarlane, Berlin 1986 (Cornelson & Oxford University Press), Seite 139-142.)

^ Die Entwicklung des Sprachverständnisses

Die Schüler verfügten über gute Vorkennnisse in klar abgegrenzten Bereichen des Wortschatzes und der Grammatik. Die Aneignung der neuen Vokabeln fiel den Schülern zwar einerseits leicht, war jedoch in Bezug auf ihre inhaltlichen Bedeutungen oftmals schwierig, da auch der deutsche Bedeutungsinhalt häufig erklärungsbedürftig war.

Vor allem aber war die Beantwortung der Fragen zum Text in unserem Schulbuch ein echtes Problem, auch wenn der Wortschatz intensiv vorbereitet wurde. Das Auffinden von Sachinformationen im Text setzte bei den Schülern Hintergrundwissen als selbstverständlich voraus, das erst im Unterricht erarbeitet werden mußte. Ganze Textpassagen konnten inhaltlich nicht nachvollzogen werden, obwohl die einzelnen Vokabeln bekannt waren. Darüber hinaus wurde die Intention von Fragen, welche die Bedeutung von Ereignissen oder Begriffen erhellen sollten, oftmals nicht erkannt. Besondere Schwierigkeiten bereiteten Redewendungen und bildhafte Ausdrücke.

Einige Beispiele: In der Fragestellung wird gefordert, die Bedeutung der Überschrift des Textes ("The long road to integration") zum Thema Integration der Schwarzen in Amerika auf Englisch zu erklären. Das sprachliche Bild ("long road" = etwas dauert lange und um am Ziel anzukommen, muß man zahlreiche Probleme bewältigen) wurde von den gehörlosen Schülern nicht als solches erkannt und verstanden. Im Buch wird gefragt, was das bedeutet, wenn ein weißer Amerikaner angesichts der ersten schwarzen Studentin an seiner bis dahin rein weißen Universität ausruft: "Let's take care of the nigger!" Die Schüler verstanden diesen Satz wörtlich ("Kümmern wir uns um den Neger!") und konnten sich deshalb die Situation nicht erklären, denn die schwarze Studentin hatte offensichtlich Angst. Wofür der Ausdruck "a place in the American sun" steht, war nur einigen Schülern klar. Schließlich behandelt der Text keineswegs das nordamerikanische Klima, sondern Minoritätenprobleme.

Verständlicherweise reagierten die gehörlosen Schüler zunächst mit Verunsicherung. Obwohl sie nach gewissenhafter Vorbereitung schließlich in der Lage waren, jeden Satz wortwörtlich zu übersetzen, konnten sie doch die Fragen nicht beantworten. Die Schüler merkten, daß sie den Anforderungen des Schulbuches nicht gewachsen waren und sie waren hilflos, denn auch die Übersetzung ins Deutsche half nicht weiter. Die Fähigkeit solche über das Grobverständnis hinausgehende Fragen selbständig zu beantworten, erwarben die Schüler schrittweise:
  • Die Einsicht in die Herkunft der Probleme, mit denen sie kämpften, war ein erster Schritt. Im Unterrichtsgespräch wurde über Sprache reflektiert: über die Eigenart idiomatischer Wendungen, über die Mehrdeutigkeit von Begriffen, über den Stellenwert bildhafter Ausdrücke, über Konnotationen, die bei bestimmten Wörtern mitschwingen, über die Wirkung ironischer Übertreibungen, über die Unübersetzbarkeit von Sprichwörtern etc.. Vergleiche zwischen deutschen und englischen Formulierungen halfen klar zu machen, was gemeint ist, wenn von "idiomatischen Redewendungen" gesprochen wird.
  • Taktiken im selbständigen Umgang mit schwer verständlichen Fragen wurden entwickelt: Ganz pragmatische Überlegungen wurden den Schülern nahegebracht und das jeweilige Problem genauer eingegrenzt (zum Beispiel wurde aus der Abfolge der Fragen auf den Textabschnitt geschlossen, der für die Beantwortung wichtig war, oder die Schüler suchten nach bedeutungsähnlichen Stichwörtern im Text, oder sie überlegten, ob die Frage mehr auf den Inhalt oder den Wortschatz abzielte etc.).
  • Häufig mußten Lücken im Hintergrundswissen geschlossen werden: Die Schüler hatten zum Beispiel in früheren Jahren das Thema "Probleme der Schwarzen in den USA" im Unterricht behandelt, aber dennoch war ihr Vorwissen lückenhaft - im Vergleich zu hörenden Schülern, die nebenbei durch amerikanische Spielfilme, vielleicht durch Bücher wie Onkel Toms Hütte etc von den überkommenen, doch immer noch spürbaren Einstellungen und Gefühlen von Weißen gegenüber Schwarzen und umgekehrt erfahren. Den gehörlosen Schülern, die von diesen Informationsquellen ausgeschlossen waren, fehlte im Englischunterricht beim Übersetzen oft das entscheidende Gespür für die Intention des Gesagten. Die erschreckende Bedeutung des Satzes "Let's take care of the nigger!" erschließt sich ja auch weniger mit Hilfe des Wörterbuches, sondern vielleicht eher über die Erinnerung an Fernsehbilder vom bedrohlichen Auftreten des Ku-Klux-Klans in den Südstaaten Amerikas.

^ 'Das haben wir nicht gelernt!' - Pädagogischer Exkurs zur Arbeitshaltung

Anfangs hatten die Schüler erwartet, daß man ihnen nur Fragen stellte, die sie bei entsprechendem Lerneifer auch beantworten konnten. Nach und nach veränderte sich die Einstellung der Schüler zum Unterrichtsstoff. Sie machten die Erfahrung, daß zum Beispiel das Memorieren neuer Vokabeln nur eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung für die Bewältigung ihrer Probleme beim Textverständnis war. Um die Texte wirklich verstehen zu können, reichte es nicht aus, auswendig zu lernen. Nur wenn die Schüler den tieferen Sinn der Worte in der jeweiligen Situation begriffen, konnten sie die Aufgaben lösen. Da in Leistungserhebungen immer auch Fragestellungen zu bewältigen sind, die über das bloße Reproduzieren von Gelerntem hinausgehen, vergewissertern sich die gehörlosen Schüler, daß sie die behandelten Inhalte verstanden hatten. Waren die Schüler zunächst bereit, alles zu lernen, was ihnen aufgetragen wurde, wuchs im Laufe der Zeit die Hartnäckigkeit, mit der sie nachfragten. Das Ziel, das sie sich vorgenommen hatten, im Vergleich mit ihren hörenden und schwerhörigen Altersgenossen in den Parallelklassen trotz ihrer Behinderung mithalten zu können, motivierte die Schüler immer mehr, gemeinsam mit dem Lehrer ihre behinderungsspezifischen Defizite auszugleichen. Das zurückweisende "Das haben wir nicht gelernt!", will sagen, "Wir brauchen das nicht zu wissen, und mehr kann man von uns nicht erwarten.", hatte schließlich ausgedient. Die Schüler wollten die Aufgaben unseres Schulbuches lösen können, so wie alle anderen Schüler auch. Die knapp bemessene Zeit wurde angesichts der hohen Anforderungen unser Hauptproblem.

^ Probleme mit der deutschen Schriftsprache

Ein Viertel der Gesamtpunktzahl der Abschlußprüfung im Fach Englisch ergibt sich aus der Übertragung ins Deutsche. Für Gehörlose, deren Primärsprache (auch) die Deutsche Gebärdensprache ist, bedeuten Unsicherheiten, die sie aufgrund ihres viel geringeren Sprachumsatzes im Deutschen haben, eine Fehlerquelle für das Übersetzen aus dem Englischen.

Bei Formulierungen wie "eine Maßnahme nehmen" übersetzten gehörlose Schüler den englischen Ausdruck "to take a measure" wörtlich und damit falsch, denn im Deutschen ist es nur möglich, das Substantiv "Maßnahme" mit den Verben "ergreifen" oder "treffen" zu verbinden. Bei der Übersetzung werden solche festen Wortverbindungen im Deutschen zur Formulierungsfalle für gehörlose Schüler.

^ Kreative Aufgabenstellungen

Im dritten Bereich der Aufgabenstellungen, in der Texpproduktion, verfaßten die gehörlosen Schüler u.a. Leserbriefe bzw. kürzere Aufsätze zu aktuellen Themen des Zeitgeschehens. In der Abschlußprüfung 1997 nahmen die Schüler in der Fremdsprache zu der Frage Stellung, ob die Millionenbeträge, die Spitzensportler kassieren, gerechtfertigt sind: "The US basketball star Michael Jordan has signed a contract paying him $25 million a year. Do you think that such high salaries in professional sport are justified?"

^ Fremdsprachendidaktik: Dreisprachiger Englischunterricht?

Zu den wichtigsten Grundsätzen des Englischunterrichts mit normalhörenden Schülern gehört weitgehende Einsprachigkeit. Um den Sprachumsatz in der Zielsprache zu erhöhen, ist die Unterrichtsprache grundsätzlich Englisch. Völlig illusionär wäre es jedoch, von gehörlosen Schülern zu erwarten, daß sie im Englischunterricht lernen, vom Mundbild des englischsprechenden Lehrers abzulesen. Selbst in der deutschen Lautsprache der sie umgebenden hörenden Welt brauchen Gehörlose dafür intensivstes Training, hohe Konzentration und ideale äußere Bedingungen (Abstand zum Sprecher, Vertrautheit mit dem Thema etc) und können dann lediglich 30% des Gesagten wirklich am Mundbild des Sprechers "ablesen", die restlichen 70% des Gesagten müssen erschlossen werden.

Im Englischunterricht wurde im Rahmen des Schulversuchs versucht, das Ablesen von englischsprachigen Anweisungen des Lehrers durch entsprechende Gesten und Gebärden zu unterstützen. Die Kommunikation zwischen den gehörlosen Schülern war selbstverständlich nur dann gewährleistet, wenn sie durch Gebärden abgesichert wurde. Die Verständlichkeit der englischen Lautsprache war aber immer Unterrichtsziel. Das Sprechen in der Fremdsprache zu üben war regelmäßig Teil in der Wiederholungsphase am Anfang der Unterrichtsstunde. Teilweise wurde die Verständlichkeit durch Notizen auf der Folie verbessert. Teilweise halfen die Schüler sich gegenseitig dabei, ihre Fähigkeit gleichzeitig zu sprechen und zu gebärden zu verbessern.

Für das Erlernen der richtigen Aussprache wurde auf die phonetische Umschrift, wie sie in Wörterbüchern Verwendung findet, zurückgegriffen. Außerdem halfen deiktische Gebärden, z.B. für "auf die Aussprache achten!" das Kreisen des Zeigefingers um den Mund, zusammen mit dem Fingeralphabet, Fehler in der Aussprache zu erkennen und zu verbessern. Naturgemäß hingen die Leistungen der Schüler im mündlichen Bereich aber vor allem von ihren allgemeinen artikulatorischen Fähigkeiten ab.

Für den Englischunterricht mit gehörlosen Schülern bedeutete dies, daß Schüler und Lehrer oftmals dreisprachig kommunizierten: immer wieder mußte "sortiert" werden zwischen Gebärden, englischer und deutscher Lautsprache. Die Anforderungen an die Konzentrationsfähigkeit aller Beteiligten war deswegen besonders hoch.

Schon bei der Unterrichtsvorbereitung wurde überlegt, welche Gebärden voraussichtlich gebraucht werden. Mögliche kommunikative Stolpersteine, z.B. Ausdrücke, die eventuell nicht allen Schülern bekannt sein dürften, wurden möglichst bereits im Vorfeld, also z.B. am Unterrichtsanfang ausgeräumt. Unter den gehörlosen Schülern mußte oft erst Einigkeit über die Bedeutung bestimmter Gebärden und Wörter gestiftet werden. Hilfreich, um für alle und bei jedem Unterrichtsschritt Klarheit zu gewährleisten, war kontinuierliche Verschriftlichung. Auf Folie wurden die Schritte des Unterrichtsablaufs schriftlich festgehalten. Der "rote Faden" war so jederzeit auffindbar. Schließlich können die Schüler nicht immer und sechs Unterrichtsstunden lang "an den Lippen des Lehrers hängen". Regelmäßigkeit und damit Voraussehbarkeit des Unterrichtsgeschehens unterstützte außerdem den reibungslosen Ablauf.

^ Der Faktor Zeit

Der Königsweg zur Lösung der geschilderten Probleme war: Zeit. Im Rahmen des Schulversuches hatte die Gehörlosenklasse drei Schuljahre für die Vorbereitung auf die Prüfung zur Erlangung der Fachhochschulreife - ein Jahr mehr als andere Fachoberschüler - also Zeit, um ihre Lücken im Hintergrundwissen zu schließen und Verhaltensänderungen herbeizuführen. So hatten unsere Schüler die Möglichkeit, an den Aufgaben, die ihnen gestellt wurden, zu wachsen, den Ehrgeiz zu entwickeln, mit den anderen Klassen mithalten zu können und ihre Begabungen trotz ihrer behinderungsspezifischen Defizite durch Engagement und Tatkraft zu entwickeln.


Anna Huonker



(aus den BEST News 1998, Heft 1)





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