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Akustik in Klassenzimmern
Erfahrungen von Lehrern im Mobilen Sonderpädagogischen Dienst
Eigentlich ist jeder Schüler und jeder Lehrer mit dieser Problematik belastet:
- Im Unterricht treten massive akustische Störungen auf.
- Die Schüler können diese Störungen nicht ausblenden, so dass
sie in ihrem Lernprozess massiv behindert werden.
Doch weil eine unzureichende Akustik die Regel an unseren Schulen ist, gelten
diese Umstände den meisten Beteiligten als „normal“ oder zumindest
als unveränderbar.
Wir Hörgeschädigtenpädagogen im Mobilen Sonderpädagogischen
Dienst (MSD) können uns damit aber nicht zufrieden geben, denn die schwerhörigen
Kinder und Jugendlichen an den allgemeinen Schulen sind auf Grund ihrer Behinderung
diejenigen, die als erste unter einer schlechten Akustik zu leiden haben. Wir
richten deshalb bei unseren Unterrichtsbeobachtungen ein besonderes Augenmerk
auf die Möglichkeiten der integrierten Schüler, dem Unterricht auditiv
folgen zu können.
Ich möchte Ihnen einige Erfahrungen mit unzureichender Raumakustik, wie
sie meine Kollegen und ich anlässlich von Besuchen an Schulen oft machen,
schildern. Wichtige Hinweise erhalten wir bereits bei unseren Erkundigungen
vor einer Unterrichtshospitation.
Erste Eindrücke
- Nicht selten erfahren wir im Vorfeld eines Besuchs von unseren Kollegen,
dass die betreffende Klasse besonders undiszipliniert und laut sei. Auffällig
oft stören die Schüler aus der letzten Reihe.
- In den Gesprächen, die wir mit unseren Schülern über ihre
schulische Situation führen, beklagen sich viele über den Pausenlärm
und den Lärm beim Stundenwechsel. Einige berichten, dass sie lieber alleine
im Klassenzimmer bleiben, als in die Pausenhalle zu gehen, andere suchen in
der Pause gerne die Bibliothek oder andere Rückzugsräume auf. Gerade
jene Schüler, deren auditive Aufmerksamkeit im Unterricht aufgrund einer
Beeinträchtigung besonders beansprucht wird, wollen sich in den Pausen
entspannen können. Zur Erholung gehört auch die Möglichkeit,
Ruhe zu finden – doch an wie vielen Schulen gibt es ausgewiesene Ruhezonen?
Dass sie die Lautstärke ihrer Klasse als störend empfinden, wird
uns ebenfalls von Schülern berichtet. Eine distanzierte Beobachtung des
Unterrichts ist allerdings eher die Ausnahme. Besonders den jüngeren
Schülern fällt die Störung durch Lärm bei weitem nicht
so häufig auf, wie wir das eigentlich erwarten würden.
Unterrichtsklima und Lernerfolg
Als Gast im Unterricht nimmt der Lehrer im MSD meist hinten im Klassenzimmer
Platz. Damit sitze ich bei den berüchtigten Schülern in der letzten
Reihe. Aus dieser für einen Lehrer eher seltenen Position werden übrigens
manche Mechanismen verständlich, die sicherlich auch dazu beitragen,
warum diese Schüler als besonders laut gelten.
- In der letzten Reihe ist es nämlich sehr anstrengend aufzupassen:
Der Lehrer ist oft nicht gut zu verstehen, Beiträge von Schülern
aus den ersten Reihen registriere ich manchmal nur anhand der Reaktion des
Lehrers. Wenn der aber mit einem kurzen „richtig“ oder „falsch“
antwortet, ist es mir nicht möglich, den Inhalt nachträglich zu
erschließen. Die interessante Erfahrung für mich ist, dass die
Schüler, die in der letzten Reihe sitzen, ganz ähnliche Schwierigkeiten
haben, wie ihre schwerhöriger Mitschüler. Ich zitiere stellvertretend
eine hochgradig hörgeschädigte Achtklässlerin namens Kristina:
„Die Unterrichtsbeiträge meiner Mitschüler kann ich überhaupt
nicht verstehen. Vielleicht könnte ich es, wenn alle anderen ruhig wären,
aber das sind sie nicht und dann ist mir das Zuhören zu anstrengend.
Außerdem sind wir so viele Schüler in der Klasse, dass ich meistens
nicht weiß, wer gerade spricht.“
- Schüler, die den Lehrer nur halb verstehen, hinken tendenziell hinter
dem Unterrichtsverlauf hinterher. Sie kapieren Zusammenhänge nicht, weil
sie die notwendigen Erklärungen versäumt haben, stellen evtl. Fragen,
die schon beantwortet wurden, kurzum, sie scheinen „auf der Leitung
stehen“, oder sie gelten, wenn sie häufiger nachfragen, als „lästig“
bis „aufsässig“. Auch diese Beschreibung gilt sowohl für
hörende als auch für schwerhörige Schüler. So bekennt
erwähnte Kristina, dass es ihr unangenehm ist, wenn sie „dauernd
nachfragen muss, was der eine oder andere Schüler gesagt hat, denn das
nervt Lehrer und Mitschüler und ihre Bereitschaft, Rücksicht auf
meine Schwerhörigkeit zu nehmen, sinkt.“
- Die ständige Anspannung, die das bewusste Zuhören einem Schüler
bei schlechter Raumakustik abverlangt, führt unweigerlich zu einer rascheren
Ermüdung. Die nachlassende Konzentrationsfähigkeit fällt den
Lehrern bei ihren hörgeschädigten Schülern relativ häufig
auf, denn das Abreißen des Blickkontakts kann als sicheres Indiz für
„Unaufmerksamkeit“ gewertet werden. Nachlassende Konzentration ist
für den Lehrer aber auch an zunehmender Unruhe der ganzen Klasse erkennbar.
So kann sich das Problem einer schlechten Akustik für den Lehrer zunächst
als eine Frage mangelnder Disziplin darstellen.
- Eine unwillkürliche Reaktion des Lehrers ist es in dieser Situation
oft, seine Stimme anzuheben und sich so Gehör zu verschaffen. Der Erfolg
einer solchen Maßnahme hängt ganz wesentlich davon ab, wie sehr
er mit seiner Stimmgewalt den allgemeinen Schallpegel der Klasse überstimmt.
Manche Kollegen bringen es hier zu erstaunlichen Leistungen. - Viele Kollegen
haben sich so aber über die Jahre hinweg ihre Stimmbänder ruiniert.
Die kalkulierte Reaktion in der beschriebenen Situation besteht in dem bewussten
Reduzieren der Lehrerstimme. Man legt vielleicht zusätzlich noch eine
Kunstpause ein, bis sich die Aufmerksamkeit der Schüler gesammelt hat
und die Klasse so ruhig wird, dass die leisere Lehrerstimme wieder vernehmbar
wird. Diese Variante ist für den Lehrer sicherlich die angenehmere und
effektivere, doch auch aus leidvoller eigener Erfahrung wissen wir alle, dass
diese Methoden, wenn einmal ein bestimmter Lärmpegel überschritten
ist, nicht mehr funktioniert.
Beispiel für die aufwändige aber missglückte
Sanierung eines Klassenzimmers in einem denkmalgeschützten Altbau
Das muss zu unerträglicher Akustik führen:
Kahle Wände aus masivem Mauerwerk und Steinfußboden. Außerdem
- hier nicht zu sehen - ein langgestreckter hoher Raum. |
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Eine meiner Kolleginnen hat für diese Beobachtung der auf- und abschwellenden
Lautstärken in einer Klasse den Begriff vom „Sixtinischen
Kapellen-Effekt“ geprägt. Wenn eine Touristengruppe
die Sixtinische Kapelle betritt, bewirkt die schiere Anwesenheit der vielen
Menschen in diesem Gewölbe quasi automatisch eine Zunahme der Lautstärke.
Die Menschen, die sich in stiller Ehrfurcht zunächst nur etwas zuflüstern,
müssen nun lauter werden, um sich gegenseitig ihre Bewunderung des
Bauwerks mitzuteilen. Der Lärm schwillt an, solange bis der eigens
hierfür engagierte Wächter auf den Plan tritt und mit einem respektheischenden
„Silencio!“ für die einem Gotteshaus angemessene Ruhe sorgt.
Für wenige Augenblicke herrscht wieder ehrfürchtiges Schweigen,
und der Zyklus kann von Neuem beginnen.
Den Romtouristen fehlt es dabei übrigens nicht am nötigen Respekt,
es ist allein die Architektur der Sixtinischen Kapelle, die den beschriebenen
Effekt hervorbringt. Eine schlechte Akustik bewirkt in unseren Schulklassen
oft ähnliche Automatismen.
- In solch „lauten“ Klassen sehen es manche Lehrer als ihre dringlichste
Aufgabe an, zunächst für die nötige Disziplin zu sorgen.
Das kann dann bedeuten, dass sie der Klasse nicht mehr den Rücken zu
kehren wollen, indem sie beispielsweise an die Tafel schreiben. Ein Verzicht
auf “unnötigen“ Tafelanschrieb ist allerdings für
unsere hörgeschädigten Schüler verhängnisvoll, fällt
damit doch die wichtige visuelle Ergebnissicherung weg.
- Ungenügende Teilhabe am Unterricht führt unweigerlich zum Leistungsabfall
- es sei denn, man holt Versäumtes zu Hause nach. Schwerhörige
Schüler sind darin wahre Meister. Viele unserer Schüler müssen
den Unterrichtsstoff prinzipiell nacharbeiten, mit allen Folgelasten. Ich
zitiere noch einmal Kristina: „Für Fächer, die mir nicht
so leicht fallen, übe ich am liebsten zu Hause. Da habe ich Ruhe und
kann effektiver und schneller lernen. Außerdem können mir fast
immer meine Eltern helfen.“ Das Mädchen formuliert den gemeinten
Sachverhalt noch wohlwollend positiv. Die Realität ist oft bedrückender.
Erstens haben die wenigsten Eltern die Geduld, die Zeit und das nötige
Wissen, um mit ihren Kindern regelmäßig mehr oder weniger alle
Unterrichtsfächer aufzuarbeiten. Zweitens kann sich der nachmittägliche
Hausunterricht für das Kind und für die ganze Familie zu einer
massiven Belastung entwickeln.
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Den bis hier her geschilderten Erfahrungen mit unzureichender Raumakustik
stehen aber auch Beobachtungen gegenüber, die die positive Auswirkung
von verbesserter Akustik belegen. So kann ich Ihnen von einer Schulklasse
berichten, die heuer zum Halbjahr nach einer Intervention des MSD von einem
akustisch völlig unakzeptablen Raum in ein geeigneteres Klassenzimmer
verlegt wurde. Die Lehrer stellten übereinstimmend ein wesentlich besseres
Unterrichtsklima fest. Insbesondere in Deutsch zeigt die betroffene hörgeschädigte
Schülerin seitdem bessere Leistungen (Diktat!). Die Schülerin
selbst kommentiert den Umzug in einer e-mail so:
„Hallo
ich finde es in diesem klassenzimmer super
die anderen glaub ich auch
wird sind damit zufrieden
ich hocke auch in der ersten reihe!!!
Anna“
Objektive Lautstärkemessungen
Als Lehrer im MSD sind wir weder Ingenieure noch Akustiker. Unsere Aussagen
über die Akustik von Klassenzimmern stützen sich im Wesentlichen auf
Erfahrungswerte. Gleichwohl können wir diese auf objektive Fakten stützen.
So lassen sich die Schallpegel im Klassenzimmer ohne großen Aufwand messen.
Beispiele solcher Messungen möchte ich Ihnen nun vorstellen. Die Messungen
werden in dB(A) vorgenommen. Um einen Maßstab zur Beurteilung der gemessenen
Lautstärken zu haben, gibt es in den einschlägigen Handreichungen
verschiedene „Lärmskalen“ (siehe Literatur)
Die einfachste Messung hält Maxima, Minima und Mittelwert fest:
Mittelwerte liegen um 60 dBA. „Laute“ Klassen erreichen Spitzenwerte
von knapp 90 dBA. Ungünstigste Werte in Turn- und Pausenhallen: 90 dBA
im Mittel, Höchstwerte bei 100 dBA.
Beispiel für den akustischen Verlauf
einer Unterrichtsstunde: |
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Kritische Phasen sind mit Maximalwerten von 90
dB(A) Unterrichtsbeginn und –Ende; der erzielte Mittelwert von
60 dB(A) ist der übliche, schlechte Durchschnittswert. Der „Sixtinische-Kapellen-Efekt“
ist im Auf- und Abschwellen gut erkennbar. Der ansonsten akustisch wenig
gegliederte Stundenverlaufund spiegelt einen lehrerzentrierten Arbeitsunterricht
wider.
Fazit: für den Zuhörer sehr anstrengend!
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Die zweite wichtige Kenngröße für die Akustik eines Raumes,
den Nachhall, können wir leider nicht vor Ort messen. Der Nachhall gibt
Auskunft über die Klarheit, mit der die Sprache wahrgenommen werden kann.
Der Schallpegelmessung alleine ist dies nicht zu entnehmen! Extrem schlechte
Werte, z.B. einen Nachhall von 1 - 2 sec, bemerkt man sofort, wenn man sich
in dem Raum aufhält. Berechnen lassen sich die ungefähren Nachhall-Werte
aber leicht – geeignete Formeln dazu findet man im Internet:
www.track4.de/sonstiges/akustik.php3
www.owa.de/deutsch/func_aku_nachhall.htm
Maßnahmen einleiten
Wenn man die unzureichende Akustik an den Schulen anspricht, herrscht oft große
Unsicherheit. Man will wissen:
Welche Verbesserungsmaßnahmen sind sinnvoll?
Wie beantragt und finanziert man sie?
Bei den einzuleitenden baulichen Veränderungen geht es im Prinzip darum,
schallharte Flächen zu eliminieren und schallabsorbierende Flächen
hinzuzufügen. Die wirksamste Methode besteht darin, Schall-Dämmplatten
zu montieren. Die von Bauämtern oft verwendeten Lochplatten aus Gipskarton
sind für unsere Zwecke allerdings nicht geeignet. Mit ihnen lassen sich
selbst die nach der Neufassung von DIN 18041 in normalen Unterrichtsräumen
empfohlenen Nachhallzeiten von 0,55 s kaum einhalten. Um die im Unterricht mit
hörgeschädigten Schülern empfohlenen 0,45 s nicht überschreiten,
müssen Materialien mit besseren Absorptionswerten eingesetzt werden. Denkbar sind folgende Maßnahmen:
Stark reflexionshemmende Verkleidung der Rückwand ab ca 1m Höhe,
z.B. mit einem Schallabsorber, der auch als Pinnwand geeignet ist; Ganzflächige Anbringung von Schallschutzelementen der Absorptionsklasse
A gemäß DIN 11654 an der Decke
Die Kosten hierfür fallen je nach Fläche und Material unterschiedlich
aus. Erfahrungsgemäß liegen sie zwischen 3000.- € und 9000.-
€ pro Klassenzimmer. Exakte Angaben zur Art, Ausführung und Wirkung
von baulichen Maßnahmen sowie über deren Kosten kann freilich nur
ein Fachmann (Akustiker, Ingenieur) machen, bei dessen Vermittlung wir Lehrer
im MSD ebenso gerne behilflich sind wie bei der Begründung der Baumaßnahme
gegenüber dem Schulträger.
W.K.
Literatur:
Lärm & Gesundheit, Materialien für die Grundschule. Hrsg. V.
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln 2001
Lärm & Gesundheit, Materialien für 5.-10. Klassen. Hrsg. v. Bundeszentrale
für gesundheitliche Aufklärung, Köln 2001
Ulrike Gehrmann: Die Bedeutung der Raumakustik für hörgeschädigte
Kinder. Manuskript 2003
Heriot-Watt University: "Akustik in Klassenzimmern - Ein Forschungsprojekt",
Edinburgh1999 - zum Downloaden
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